Die große Wichtigkeit unauffälliger Kleinigkeiten

Zum 125. Geburtstag von Milena Jesenská

Briefe an Milena“, „Kafkas Freundin Milena“, „Geliebte Milena“ ‒ bekannt geworden ist Milena Jesenská (1896-1944) in Deutschland unter ihrem Vornamen, als Adressatin der Briefe Franz Kafkas. Dabei hat sie selbst von 1919 bis 1939 über 1000 Feuilletons und Reportagen in tschechischen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht. Diese bestechen durch kluge Gedanken, pointierte Formulierungen und eine so klare wie mitfühlende Haltung – es sind journalistische Glanzstücke. Jesenská schreibt über Kinderarmut in Wien, über Kino und Kaffeehaus, über die Zimmerwirtin und über den Schlachthof, über moderne Architektur und über die Dreigroschenoper. Ihre Feuilletons sind oft Skizzen über alltägliche Begebenheiten, eine kleine Philosophie des Alltags: „Eine Journalistin ist eine Miniaturenzeichnerin, aber in ihren Details trifft sie die Wirklichkeit. Sie interessiert sich für unauffällige Kleinigkeiten, und auf einmal zeigt sich deren große Wichtigkeit.“ (Da das so sehr auf ihre eigenen Texte zutrifft, habe ich mir erlaubt, ihre in der männlichen Form geschriebenen Worte in die weibliche Form umzuformulieren.)

In den letzten Jahren ihres Schaffens schrieb Milena Jesenská politische Reportagen und Stellungnahmen zur Sudetenkrise und dem Ende der Demokratie in der Tschechoslowakei. „Die Kunst stehen zu bleiben“ lautet der Titel eines Artikels, in dem sie erklärt, warum sie es als ihre Aufgabe sieht, in Tschechien zu bleiben statt zu emigrieren. Diese Kunst beherrschte sie tatsächlich. Sie schrieb für eine illegale Zeitung und engagierte sich im Widerstand. 1940 wurde sie daher verhaftet. Im Mai 1944 starb sie im KZ Ravensbrück. Überlebt hat ihr Werk. Milena Jesenskás feuilletonistische Skizzen und politischen Reportagen faszinieren auch heute noch.

Jorge Semprun schreibt über die Ausgabe ihrer Texte: „Ein Buch, das man seinen Freunden schenken und mit lauter Stimme auf den Straßen rühmen möchte, von dem man wünscht, es in der Metro in den Händen Fremder zu sehen, die einem dadurch nah und vertraut werden, selbst im größten Gedränge.“ (zitiert nach der Website des Verlags Neue Kritik)

Am 10. August 2021 war Milena Jesenskás 125. Geburtstag. Diesen feiert die Buchhandlung Rote Zora in Merzig mit ihrem Geburtstagsfest des Monats: Jeden Monat feiert die Buchhandlung Rote Zora einen runden Geburtstag, von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die den Buchhändlerinnen am Herzen liegen. Manche von ihnen sind längst verstorben. Was sie aber unsterblich macht, das ist ihr Werk, das sie hinterlassen haben. Und so stehen im Mittelpunkt der Geburtstagsfeste nicht die obligatorische Geburtstagstorte und die feiernden Gäste, sondern die Bücher der Geburtstagskinder. In der Buchhandlung wie auch im Schaufenster, wie auch auf den Social-Media-Kanälen sprechen die Buchhändlerinnen die Einladung aus, das Tor zur Weltliteratur zu durchschreiten, lesend Neues kennenzulernen und Altbekanntes wiederzuentdecken.

Es gibt zwei deutsche Ausgaben der Texte von Milena Jesenská: Alena Wagnerová hat 2020 im Wallstein Verlag eine Auswahl der Texte herausgegeben, eine andere Auswahl von Dorothea Rein ist seit 1984 im Verlag Neue Kritik lieferbar.

Veranstaltungshinweis:

Buchvorstellung mit Alena Wagnerová:
„Milena Jesenská. Prager Hinterhöfe im Frühling. Feuilletons und Reportagen 1919-1939“
Mittwoch, 13. Oktober 2021, 19 Uhr

in der FrauenGenderBibliothek Saar, Großherzog-Friedrich-Straße 111, 66121 Saarbrücken und online (Hybrid-Veranstaltung), Eintritt frei, Anmeldung: info@frauengenderbibliothek-saar.de
Veranstalterinnen: FrauenGenderBibliothek Saar und Heinrich-Böll-Stiftung Saar

Lesetipp:

Anne Lehnert, ehemalige Mitarbeiterin der Roten Zora, hat auf zwei literarischen Plattformen Artikel zu Milena Jessenska veröffentlicht. Es lohnt sich, einfach mal reinzuschauen. Auch den Text für diese Seite hat sie uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Beziehungsweise-weiterdenken: „Auf sich nehmen, was man auf sich nehmen muss“ von Anne Lehnert

Palais F*luxx: „Erinnerung an Milena Jesenská“ von Anne Lehnert

Milena Jesenská

Prager Hinterhöfe im Frühling

Feuilletons und Reportagen 1919-1939.

Diese journalistische Prosa leuchtet durch Präzision, ergreifende Unmittelbarkeit und Poesie.

Milena Jesenská ist bisher in erster Linie als Freundin Franz Kafkas bekannt. Diese Wahrnehmung versperrt den Blick auf ihre eigene schriftstellerische Tätigkeit. Ihr publizistisches Werk aus den Jahren 1919 bis 1939 steht gleichberechtigt neben Werken von Schriftstellerinnen wie Bettina von Arnim, George Sand oder Sophie Scholl. Die Journalistin Jesenská durchbricht die übliche thematische Festlegung auf Mode und Haus und zeigt in szenisch lebendigen Reportagen die Alltagsnot nach dem Ersten Weltkrieg in Wien, die Kinderarmut, die Bildungsverelendung und den Schleichhandel. In Prag propagiert Jesenská die Projekte der europäischen Avantgarde und deren gesamtgesellschaftliche Relevanz. Den politischen Höhepunkt bilden die Reportagen aus den Sudetengebieten 1937 bis 1939. Jesenskás unvoreingenommener Blick sieht vor allem diejenigen Deutschen, die als Nichtmitläufer zwischen nationalsozialistischer und tschechischer Front verloren sind.

Alena Wagnerová stellt in diesem Band einzigartige Dokumente zusammen, die das großartige journalistische Werk Jesenskás wieder sichtbar machen.

Wallstein Verlag, 9783835338272, 32,00 €

Milena Jesenska

Alles ist Leben

Feuilletons und Reportagen 1919 - 1939.

Milena Jesenská (1896-1944) war eine bedeutende Journalistin und hat Hunderte von Feuilletons, Artikeln und Reportagen geschrieben. Diese zeugen von der Entwicklung der extravaganten jungen Pragerin zur ernsthaften politischen Kommentatorin der faschistischen Katastrophe.

Neue Kritik Verlag, 9783801501921, 22,50 €

Alena Wagnerova

Milena Jesenska - Biographie

Als Adressatin der >Briefe an Milena< von Franz Kafka ist Milena Jesenská in die europäische Literaturgeschichte eingegangen. Erst durch das Anfang der sechziger Jahre erschienene passionierte Porträt ihrer Ravensburger Lagergefährtin Margarete Buber-Neumann erfuhr man endlich auch etwas über das Leben dieser politisch engagierten tschechischen Journalistin.
»Alena Wagnerovás Buch basiert auf langen sorgfältigen Recherchen und Gesprächen mit letzten Überlebenden, die Milena noch persönlich gekannt haben, und erhält dadurch einen hohen Grad an Authentizität. Sie bemüht sich mit Erfolg darum, ihre Heldin nicht zu verklären und nicht zu heroisieren, sondern vielmehr die Aura ihrer Ausstrahlung begreiflich zu machen.«

Fischer Taschenbuch, 9783596132584, 19,99 €

Alois Prinz

»Sie ist ein lebendiges Feuer«

Das Leben der Milena Jesenská

Milena Jesenská (1896-1944) stellte sich schon früh gegen alle Konventionen: Von der braven Medizinstudentin aus gutbürgerlichem Haus zur Rebellin gegen den Vater, von der femme fatale zur politischen Journalistin und engagierten Widerstandskämpferin im Dritten Reich - ihr kurzes bewegtes Leben führte Milena Jesenská von Prag nach Wien, in den Untergrund und schließlich ins KZ Ravensbrück, wo sie anderen Frauen durch gefälschte Diagnosen das Leben rettete, aber selbst 1944 starb. Eindringlich erzählt Bestsellerautor Alois Prinz die Lebensgeschichte dieser Frau, die selbst in finsteren Zeiten ihre Entschlossenheit, ihren Mut und ihre Leidenschaft - vor allem aber ihre Fähigkeit zu großer Liebe nie verloren hat.

Insel Verlag, 9783458363897, 10,95 €

Stephanie Schuster

Milena und die Briefe der Liebe

Kafka ist ihr Leben, das Schreiben ihre Leidenschaft.

Prag, 1916: Die junge Milena ist selbstbewusst und abenteuerlustig. Am liebsten verbringt sie ihre Tage in Kaffeehäusern, den Treffpunkten der Bohème. Dort begegnet sie dem geheimnisvollen Schriftsteller Franz Kafka. Sofort ist klar, dass die beiden mehr verbindet als nur die Literatur. Da verbannt sie ihr Vater aus ihrer Heimat. Sie heiratet den Literaturkritiker Ernst Pollak und lebt mit ihm in Wien, doch die Ehe scheitert und Milena verarmt. In ihrer Not schreibt sie Franz Kafka, schlägt ihm vor, seine Texte ins Tschechische zu übersetzen. Schon bald entspinnt sich eine Liebe, die ihresgleichen sucht ...
Die Geschichte einer emanzipierten Frau und Journalistin, die allen Widrigkeiten ihrer Zeit trotzte.
Blick ins Buch

Aufbau Taschenbuch Verlag, 9783746635934, 12,99 €

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Peter Brill: Mein KOMPASS

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10. - 15.04.2018, 6. saarländische Filmwoche, Zeltpalast Merzig

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Literaturtage im Saarland – 7. bis 22.04.2018

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Perspektiven der Gesundheit

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Ralph Schock: Kaffeeschmuggler und Steckdosenmäuse

27. Februar 2018, 19:30 Uhr, Rote Zora Losheim

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Montag 5. Februar bis Samstag 24. Februar 2018

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Der Fußballfan und Autor Roland Röder

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24. Januar 2018, 20:00 Uhr Lesung

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